Der Ausdruck «Zucht und Ordnung» hat seine Wurzeln in religiöser und vormoderner Erziehungssprache. Unter dem NS-Regime erfährt insbesondere «Zucht» neue Dimensionen – als sozial getriebener Begriff zur «Entwicklung des Herrenmenschen». Heute wird er meist kritisch oder ironisch gebraucht. Eine sprachgeschichtliche Spurensuche.
Der Ausdruck «Zucht und Ordnung» ist im deutschen Sprachgebrauch seit dem 15. Jahrhundert belegt – ursprünglich im christlichen Kontext, mit Bezug auf 1. Korinther 14:40: «Lasset alles ehrbar und ordentlich zugehen» – wie Martin Luther übersetzt hat. Dieser Vers war ein Leitmotiv für reformatorische Autoren wie Thomas a Kempis und Johannes Calvin; in der Folge etablierte sich die Redensart in kirchlichen und sittenpädagogischen Texten als positive Forderung nach Tugend und Disziplin.
Im Zeitalter Friedrichs II. wurde «Zucht und Ordnung» säkularisiert und trat in weltlichen Institutionen wie dem Militär oder Schulen auf. Goethe verwendete den Ausdruck beispielsweise literarisch noch im positiven Sinne. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann eine ironische Nutzung – als kritisch zitierende Sprachfigur gegenüber rigider Autorität – ohne dass der traditionelle Gebrauch verschwand.
Im Nationalsozialismus wurde der Begriff wieder aufgegriffen – vor allem durch Georg Usadel, der 1935 das Buch «Zucht und Ordnung – Grundlagen einer nationalsozialistischen Ethik» publizierte. In diesem Kontext erhielt «Zucht» nicht nur die Bedeutung von Erziehung, sondern wurde bewusst mit dem biologischen Ursprung des Wortes verknüpft – also mit Züchtung und «Entwicklung zum Herrenmenschen». Die Verbindung von Erziehung («Zucht») und politischer Gefolgschaft («Ordnung») diente dem NS-Regime als ideologisches Vehikel.
Nach 1945 verlor der Ausdruck seinen unangefochten positiven Gebrauch und wurde vor allem als rhetorisch geladenes Zitat verwendet – insbesondere von KritikerInnen autoritärer Erziehungsstile und im Rahmen der «Schwarzen Pädagogik». In den 1960er und 1970er Jahren wurde «Zucht und Ordnung» zum Kampfbegriff im antiautoritären Diskurs.
Heute begegnet der Ausdruck meist kritisch, satirisch oder historisierend – als Verweis auf veraltete, rigide Strukturen. Er wird auch in ganz anderen Zusammenhängen (z. B. erotischer Subkultur) zitiert, aber sein NS-Bezug bleibt prägend für die Wahrnehmung. Die sprachhistorische Wendung von einem tugendhaften Ausdruck zu einem NS-geprägten Formelkonstrukt zeigt exemplarisch, wie Worte ideologisch aufgeladen und umgedeutet werden können.
Der Sprachaufklärer meint
Heute wird die Wendung meist ironisch, kritisch oder nostalgisch gebraucht. «Zucht und Ordnung» sollte nur benutzt werden, wenn bewusst auf die historische oder ideologische Verwendung angespielt wird – etwa im NS-Kontext oder im Diskurs über autoritäre Erziehung. In neutralem Kontext sind Formulierungen wie «Disziplin und Struktur» oder «ordnungsgemässe Erziehung» angemessener.
Der Duden rät
Der Duden führt «Zucht und Ordnung» nicht separat, stellt aber «Zucht» im Sinne von «[strenge] Erziehung, Disziplinierung» (z. B. Züchtigung) dar und bezeichnet den Begriff als «veraltend». «Ordnung» wird als «Einhaltung der Disziplin, bestimmter Regeln im Rahmen einer Gemeinschaft» dargestellt.
Andere Wörterbücher wie das Grimm’sche Wörterbuch dokumentieren die Zwillingsformel «Zucht und Ordnung» auch historisch.
