ReichsbürgerIn

Der Begriff «ReichsbürgerIn» bezeichnet Personen, die die Bundesrepublik Deutschland als legitimen Staat ablehnen und stattdessen die Fortexistenz eines historischen „Deutschen Reichs“ behaupten. Sie verweigern oft die Geltung staatlicher Rechtsnormen und bedienen sich Verschwörungstheorien – teils bis hin zur Gewalt. Diese Ideologie steht im Widerspruch zur demokratischen Rechtsordnung.

Der Terminus «ReichsbürgerIn» entstand als bewusste Abgrenzung von «BundesbürgerIn»: AnhängerInnen dieser Ideologie sehen sich nicht als Angehörige der Bundesrepublik, sondern verstehen sich selbst als BürgerInnen eines fortbestehenden «Deutschen Reichs» – in Varianten aus der Kaiserzeit oder aus dem Jahr 1937 –, und lehnen die Legitimität der Bundesrepublik grundsätzlich ab.

Diese Bewegung ist stark heterogen: Mitglieder agieren z.T. als Einzelpersonen oder in Kleingruppen, teils mit Fantasieregierungen wie der «Kommissarischen Reichsregierung», oder als «SelbstverwalterInnen», die glauben, durch formelle Erklärung aus dem Staat „austreten“ zu können und für sich eigene Rechtsräume beanspruchen. Die Szene umfasst sowohl wortwörtliche NostalgikerInnen als auch egomotivierte GeschäftemacherInnen, psychisch belastete Personen oder Verschwörungsgläubige.

Juristisch basiert ein zentrales Argument auf einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1973, wonach das Deutsche Reich völkerrechtlich fortbestehe, jedoch nicht handlungsfähig sei. ReichsbürgerInnen interpretieren diesen Passus selektiv als Beleg, dass die Bundesrepublik völkerrechtlich illegitim, bruchstückhaft oder gar eine «Firma» sei.

Die Ideologie ist häufig mit antisemitischen und rechtsextremen Elementen verknüpft, etwa via Holocaustleugnung, verschwörungsideologische Zuschreibungen oder rassistische Narrative. Gewaltbereitschaft ist nicht selten: So haben Personen in Sachsen-Anhalt beim Einsatz eines SEK (Spezialeinsatzkommando, eine Spezialeinheit der Polizei) Schüsse abgegeben. Ein Beamter wurde dabei tödlich verletzt. Straftaten und Waffenvorhalte sind weit verbreitet.

In jüngster Zeit rückte die Bewegung stärker in den Fokus: Im Mai 2025 wurde die Gruppe «Königreich Deutschland» verboten – sie wurde von Peter Fitzek 2012 gegründet. Die Gruppierung war die mitgliederstärkste im Spektrum (behördlich geschätzt etwa 1000 Personen, eigene Angaben bis 6000); es gingen Ermittlungen wegen finanzieller und verfassungsfeindlicher Aktivitäten einher, inklusive unrechtmässiger Bank- und Versicherungsgeschäfte. Inhaftierungen der Anführer erfolgten; Geld, Immobilien, Fahrzeuge, Konten oder andere wirtschaftlich verwertbare Güter wurden beschlagnahmt. Bereits im Dezember 2022 war eine mutmasslich terroristische Gruppierung, die «Patriotische Union», mit Verbindungen zur ReichsbürgerInnen-Szene ins Visier geraten. Ihr Vorsitzender Heinrich XIII. Prinz Reuss wurde 2023 wegen Vorbereitung eines gewaltsamen Staatsstreichs angeklagt.

Die Szene ist vielschichtig, gefährlich und überwiegend eindeutig antidemokratisch geprägt. Historische Narrative dienen oft als Vorwand für Ablehnung des Grundgesetzes und der demokratischen Ordnung, verbunden mit erheblichen Bedrohungen für den Rechtsstaat und die öffentliche Sicherheit.

Offizielle Stellen beobachten die Szene seit Jahren. Im Jahr 2024 zählte die Verfassungsschutzbehörde deutschlandweit etwa 26 000 ReichsbürgerInnen und SelbstverwalterInnen; rund 1300 waffenrechtliche Erlaubnisse wurden seit 2016 entzogen oder zurückgegeben, und es wurden 774 extremistisch motivierte Straftaten dieser Szene zugerechnet.

Es handelt sich dabei um ein vielschichtiges, jedoch keineswegs harmloses Spektrum. Die Szene umfasst nicht lediglich nostalgische AnhängerInnen monarchischer Staatsformen, sondern vielfach ideologisch motivierte oder radikal agierende Personen, die systematisch gegen die demokratische Grundordnung arbeiten.

Das Phänomen der ReichsbürgerInnen ist indes keine isolierte Erscheinung in Deutschland, sondern Ausdruck einer globalen Strömung staatsleugnender Bewegungen. Ob als «Sovereign Citizens» in den USA, als «StaatsverweigererInnen» (auch «StaatsleugnerInnen») in Österreich oder in Form kleinerer Ableger in der Schweiz: Überall zeigen sich vergleichbare ideologische Muster – die Ablehnung staatlicher Autorität, die Konstruktion alternativer Rechtsräume sowie die Verbreitung verschwörungsideologischer und häufig antisemitischer Narrative.

Der Begriff «ReichsbürgerIn» ist zwar sprachlich und historisch spezifisch deutsch, steht jedoch sinnbildlich für ein transnationales Denken, das demokratische Ordnungen grundsätzlich infrage stellt. Mitglieder dieser Bewegungen verweigern u. a. das Zahlen von Steuern, erkennen Gerichtsbeschlüsse nicht an, stellen eigene Ausweise oder Pässe aus, und argumentieren häufig mit pseudojuristischen Konstruktionen.

Der Sprachaufklärer meint

In der Berichterstattung und Analyse empfiehlt es sich, das Phänomen als «ReichsbürgerIn» bzw. als «ReichsbürgerInnen-Szene» zu bezeichnen. Besonders hervorzuheben ist der antidemokratische und in Teilen gewaltsame Charakter dieser Ideologie, der sich nicht nur in staatsleugnenden Haltungen, sondern auch in konkreten Straftaten und Bedrohungsszenarien manifestiert. Das darf man sagen – und man sollte es auch sagen.

Der Duden rät

Der Duden beschreibt «Reichsbürger» als eine Person, «die die Bundesrepublik Deutschland nicht anerkennt und sich als Bürger des Deutschen Reichs betrachtet». Die Erklärung betont damit den Staatsverständnis-Konflikt und die Identitätsbehauptung gegen die legitime Staatsordnung der BRD.

4. Januar 2026

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