Der Begriff «Leitkultur» tauchte erstmals im öffentlichen Diskurs um das Jahr 2000 in Deutschland auf und wurde schnell zu einem vielzitierten Schlagwort in Debatten rund um Integration und nationale Identität. Seine Wurzeln liegen in der politischen Theorie: Der Politologe Bassam Tibi führte den Begriff in den 1990er Jahren ein.
Der Begriff «Leitkultur» war zunächst nicht als explizit deutsches übernationalistisches Konzept gedacht, sondern als Forderung nach einem wertebasierten europäischen Konsens, der Einwanderer als verbindende gesellschaftliche Klammer dienen sollte, jenseits von Ethnie oder Religion.
Im Jahr 2000 griff der CDU-Politiker Friedrich Merz den Begriff auf und forderte, ZuwandererInnen müssten sich «einer gewachsenen freiheitlichen deutschen Leitkultur anpassen». Damit begann die breite öffentliche Debatte: Für einige war der Begriff ein sinnvolles Bekenntnis zu gemeinsamen Grundwerten, für andere ein gefährliches Instrumentalisierungsfeld – insbesondere gegenüber Minderheiten. Merz war damals Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion und damit Oppositionsführer im Deutschen Bundestag.
Ursprünglich verstand Bassam Tibi unter europäischer Leitkultur, dass bestimmte Werte gegenüber religiösen oder ethnischen Normen Vorrang haben sollten – etwa Demokratie und Vernunft, Säkularisierung, Menschenrechte, Toleranz und Pluralismus. Tibi warnt ausdrücklich vor einer nationalistisch eingefärbten Variante («deutsche Leitkultur») und plädiert stattdessen für einen offenen Euro-Islam, der mit dieser Leitkultur kompatibel ist.
KritikerInnen betonen, dass der Begriff nebulös definiert und zugleich stark polarisierend sei. Er spalte die Gesellschaft in «Wir» und «die Anderen» – was marginalisierte Gruppen weiter ausgrenze. Durch seine Nutzung als politisches Kampfmittel droht der Begriff, mehr Konflikte als Orientierung zu stiften.
Der Sprachaufklärer meint
«Leitkultur» reizt sowohl konservative als auch zivile Debatten über Integration, Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ob sinnvoll oder missbrauchbar – entscheidend ist, wie klar verständlich und inklusiv er formuliert ist und ob er Austausch und Mitdenken fördert, oder stattdessen zur Ausschliessung wird.
Der Duden rät
Im Duden wird der Begriff «Leitkultur» mit «führende, zentrale Kultur» erklärt.
