Ausrufezeichen «!»

Kaum ein Satzzeichen polarisiert so stark wie das Ausrufezeichen: Es kann Begeisterung, Dringlichkeit oder Autorität signalisieren – manchmal alles zugleich. Heute wird es inflationär genutzt, vor allem online und im Marketing. Historisch war es jedoch auch ein Mittel autoritärer Sprache – besonders auffällig in der NS-Zeit.

Das Ausrufezeichen «!» ist ein vergleichsweise junges Satzzeichen. Seine Wurzeln reichen zurück ins Mittelalter: Ursprünglich markierte es ein «nota bene» (NB) – ein Hinweis auf Wichtiges. Möglicherweise entwickelte sich das Zeichen aus dem Buchstaben «i» für «io» (lat. Ausruf der Freude) über einem Punkt, wie wir es heute kennen. Erst seit dem 17. Jahrhundert ist seine Verwendung in deutschen Druckwerken etabliert.

Lange galt das Ausrufezeichen als stilistisch markiert. Es wurde sparsam eingesetzt – vor allem bei Befehlen, Ausrufen, Warnungen oder Emphase. Im literarischen Schreiben war es fast verpönt, im amtlichen Stil sowieso. In den letzten Jahrzehnten hat sich das stark gewandelt: Besonders in digitalen Kontexten (E-Mails, Chats, Social Media) erlebt das Zeichen eine inflationäre Verwendung. Mehrere Ausrufezeichen hintereinander («Das ist ja unglaublich!!!») sollen Emotionen verstärken – wirken aber schnell schrill, unhöflich oder gar aggressiv.

Der Duden rät zur Zurückhaltung: «Verwenden Sie das Ausrufezeichen sparsam, um seine Wirkung zu erhalten.» In professioneller Kommunikation gilt: Ein Ausrufezeichen reicht – wenn überhaupt.

Einen besonders prägnanten Stilbruch markiert die nationalsozialistische Sprachpraxis. In Reden, Flugblättern und insbesondere in der Propaganda war das Ausrufezeichen allgegenwärtig. Es sollte Entschlossenheit, Kampfgeist und ideologische Überzeugung signalisieren: «Kauft nicht bei Juden!»,  «Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!», «Deutschland erwache!».

Die NSDAP nutzte das Zeichen systematisch zur Emotionalisierung der Sprache. Der Sprachwissenschaftler Victor Klemperer beschrieb in seinem Werk LTI – Notizbuch eines Philologen (1947) die Überpräsenz des Ausrufezeichens in nationalsozialistischen Texten als Ausdruck sprachlicher Verrohung: «Es ist die allzeit bereite Bereitschaft zur Gewalt, die in dem allzeit bereiten Ausrufezeichen steckt.»

Auch nach 1945 blieb das Ausrufezeichen ein ambivalentes Zeichen. In der Werbung steht es für Begeisterung: «Jetzt kaufen!», in der politischen Kommunikation kann es als Befehl wahrgenommen werden «Rettet den Wald!». Die Grenze zwischen Anfeuerung und Anordnung ist fliessend.

Der Sprachaufklärer meint

Marketingtexte und Social-Media-Posts gemahnen heute oft an Geschrei. Verwenden Sie das Ausrufezeichen bewusst und sparsam. Es verstärkt die Aussagekraft eines Satzes – aber verliert seine Wirkung, wenn es überstrapaziert wird. In digitalen Medien gilt: Weniger ist mehr. In offiziellen und journalistischen Texten sollte es gut begründet sein.

Der Duden rät

Der Duden empfiehlt Sparsamkeit: «Das Ausrufezeichen steht nach Ausrufen und Aufforderungen. Ein Ausrufezeichen wirkt stärker, wenn es sparsam verwendet wird.»

14. Februar 2026

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