Gutmensch

Der Begriff «Gutmensch» begegnet erstmals in der deutschsprachigen Feuilleton-Kultur der sogenannten «89‑Generation» als satirisch‑kritische Wortschöpfung in Anti‑68er‑Lexika, die gesellschaftspolitische Schlagwörter pointiert dekonstruierten. Der Begriff tauchte auch schon vorher gelegentlich auf – wenn auch ohne die heutige politische Konnotation.

Der Deutsche Journalisten‑Verband (DJV) vermutete zunächst einen NS‑Ursprung. Das Duisburger Institut für Sprach‑ und Sozialforschung widersprach allerdings, weil Belege hierfür fehlen.

Ältere historische Hinweise reichen bis ins 19. Jahrhundert: So spricht der Pädagoge Christian Oeser 1859 in «Briefe an eine Jungfrau …» über den «unbedachten Gutmenschen», der für seine übertriebene Menschenliebe verlacht werde.

In seiner heutigen Verwendung ist «Gutmensch» ein abwertender, ironischer oder verächtlicher Begriff. Er dient dazu, Menschen mit idealistischen, empathischen Motiven als naiv, weltfremd oder moralinsauer darzustellen.

Laut Duden bezeichnet man so jemand, der (in als unkritisch oder übertrieben empfundenem Masse) empathisch und tolerant handelt, etwa im Sinne politischer Korrektheit. Tatsächlich wird der Begriff seit den 1990er-Jahren häufig im Zusammenhang mit politischer Korrektheit genutzt – insbesondere von konservativer, rechtspopulistischer Seite –, um moralisch engagierte Akteure zu diskreditieren.

«Gutmensch» wurde 2015 zum Unwort des Jahres gewählt, da es Hilfsbereitschaft und Toleranz als naiv, dumm und weltfremd diffamiert – und damit eine konstruktive Debatte erschwert. Der Zeitpunkt ist brisant, zumal in ebenjenem Jahr 2015 in Europa die Debatte über eine Flüchtlingskrise entbrannte und der Begriff in diesem Zusammenhang besonders prominent wurde.

Sogar die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde mitunter als «Gutmensch» apostrophiert. Insbesondere im Kontext der internationalen Berichterstattung: Zum Beispiel wurde der chinesische Spottbegriff «Baizuo» (wörtlich «weisse Linke») für sie verwendet. Grund dafür mag Merkels ikonische Aussage «Wir schaffen das» sein.

Sprachkritisch wird moniert, dass «Gutmensch» als rhetorischer Schlagbegriff funktioniert: Mit ihm werden Gegner personal angegriffen (argumentum ad hominem). Politikwissenschaftlich wird festgehalten, dass der Begriff als ideologischer Code fungiert – etwa in der rechten Rhetorik, wenn «Gutmenschen» als Teil eines Diskurses um Tabu‑Brüche oder als moralische Bedrohung inszeniert werden. Oft garniert mit Begriffen wie «Moralkeule» oder «PC-Terror» (Political Correctness-Terror).

Der Sprachaufklärer meint

Nutzen Sie den Begriff «Gutmensch» bewusst – und darum am besten gar nicht mehr. Der Ausdruck ist 2015 zum Unwort des Jahres gekürt worden. Die Jury begründete dies damit, dass er Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm oder weltfremd diffamiert – und damit das politische Gespräch verroht und konstruktiven Austausch behindert. Insbesondere in der Flüchtlingsdebatte wurde er zum Werkzeug der Abwertung – nicht nur durch rechtspopulistische Kreise, sondern auch durch Medien und JournalistInnen – und liegt damit fern an sachlicher Auseinandersetzung.

Der Duden rät

Der Duden führt den Begriff auf, dessen Gebrauch sei aber «meist abwertend gebraucht».

20. August 2025

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