massiv

Haben Sie unlängst einen Text gelesen, der in einer Parteizentrale verfasst wurde? Ziemlich sicher sind Sie dabei auf den Begriff «massiv» gestossen. Er ist in der Alltagssprache längst zur Floskel geworden: ein «massiver Anstieg», ein «massives Problem», «massive Kritik». Dabei hat das Adjektiv ursprünglich eine ganz andere Bedeutung – nämlich eine körperlich greifbare. Wer «massiv» falsch verwendet, übernimmt womöglich unreflektiert den Sprachgebrauch aus der Politik, aus den Medien oder aus der Werbung.

Das Adjektiv «massiv» stammt aus dem Französischen (massif) und hat seine Wurzeln im lateinischen massa, was so viel wie «Klumpen» oder «feste Masse» bedeutet. Im ursprünglichen Sinn beschreibt massiv also etwas körperlich Festes, Schweres, Dichtes – etwa ein «massiver Holztisch», eine «massive Wand» oder «massives Gold».

Die Baukunst kennt den Begriff bis heute im Gegensatz zu leichtem oder Skelettbau: Ein massives Gebäude ist eines mit tragenden Wänden aus Beton, Stein oder Ziegeln, also ohne Stahl- oder Holzrahmen.

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Gebrauch des Wortes jedoch verschoben. Es wird zunehmend metaphorisch verwendet – für etwas Starkes, Intensives oder Ernstes. Medien, PolitikerInnen und selbst Behörden sprechen heute etwa von:

  • einem massiven Anstieg der Preise,
  • massiven Problemen im Gesundheitswesen,
  • massiver Kritik an politischen Entscheiden,
  • massiven Sicherheitsvorkehrungen bei Grossanlässen.

Diese Verwendung ist grammatikalisch korrekt, aber semantisch unscharf. Denn: Was genau heisst «massive Kritik»? Mehr Kritik? Schärfere? Lautere? Von vielen Seiten? Das Wort wird oft verwendet, um Nachdruck zu erzeugen, ohne den Inhalt präzise zu beschreiben.

Gerade weil «massiv» in seinem ursprünglichen Sinn eine körperliche Eigenschaft beschreibt, wirkt der übertragene Gebrauch oft inflationär und unpräzise. Das führt zu sprachlichen Problemen:

  1. Verwässerung der Bedeutung: Je häufiger das Wort als rhetorische Verstärkung eingesetzt wird, desto weniger konkret bleibt seine Aussagekraft.
  2. Dramatisierung: Wer «massive Probleme» beschreibt, will oft nicht informieren, sondern alarmieren.
  3. Unverständlichkeit: Für Deutschlernende oder Nicht-MuttersprachlerInnen ist der übertragene Gebrauch schwer nachvollziehbar.

Besonders auffällig ist, dass «massiv» fast ausschliesslich negativ konnotiert wird: Niemand spricht von «massiver Freude» oder einem «massiven Kompliment». Das zeigt die Einseitigkeit im heutigen Sprachgebrauch.

Der Sprachaufklärer meint

Verwenden Sie «massiv» in seiner ursprünglichen Bedeutung – also für etwas Körperliches, Greifbares – bewusst und korrekt. Wenn Sie im übertragenen Sinn schreiben wollen, haben Sie Alternativen: Statt «massive Kritik» etwa «scharfe Kritik», «breite Kritik» oder «heftige Kritik». Vermeiden Sie die automatische Dramatisierung – sie nützt sich ab und trägt wenig zur Klarheit bei.

Der Duden rät

Laut Duden bedeutet massiv ursprünglich «nicht nur an der Oberfläche, sondern ganz aus dem gleichen, festen Material bestehend» – auch «fest, kompakt [und schwer, wuchtig wirkend]». Der Duden nennt aber auch den übertragenen Sinn: «heftig, scharf, entschieden [und in grober Weise erfolgend]», «sehr nachhaltig, gross (in seinem Umfang)».

24. November 2025

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