«Sündenbock» klingt alltäglich – und ist doch tief biblisch verwurzelt. Der Ausdruck stammt aus dem Alten Testament und bezeichnete ursprünglich ein Tier, das symbolisch die Schuld des Volkes trug. Heute wird er für Menschen verwendet, die für Fehler anderer herhalten müssen. Unproblematisch? Nicht ganz – die Geschichte des Begriffs ist heikler, als vielen bewusst ist.
Der «Sündenbock» geht zurück auf das 3. Buch Mose (Levitikus 16). Am jüdischen Versöhnungstag, Jom Kippur, wurden nach biblischer Vorschrift zwei Böcke bestimmt: Einer wurde geopfert, der andere – der sogenannte «Bock für Asasel» – symbolisch mit den Sünden des Volkes Israel beladen und in die Wüste geschickt. In der Lutherbibel heisst es: «Und Aaron lege seine beiden Hände auf seinen Kopf und bekenne über ihm alle Missetat der Kinder Israel» (Lev 16,21 f).
Der Ausdruck «Sündenbock» etablierte sich im Deutschen als bildhafte Bezeichnung für eine Person, der man die Schuld für Missstände zuschreibt – oft zu Unrecht. Sprachlich bezeichnet er also einen Mechanismus der Schuldverschiebung. Der franzoesische Philosoph René Girard beschrieb dieses «Sündenbockprinzip» als Grundmuster menschlicher Gesellschaften: Gruppen stabilisieren sich, indem sie Schuld auf Einzelne projizieren.
Heikel wird der Begriff dort, wo seine Geschichte mitschwingt. Das Bild vom «Sündenbock» wurde in antisemitischen Diskursen instrumentalisiert. Jüdinnen und Juden wurden über Jahrhunderte selbst zu «Sündenböcken» gemacht – für Pest, Wirtschaftskrisen oder politische Umbrüche. Damit kehrte sich die biblische Metapher in perfider Weise gegen das Volk, aus dessen Tradition sie stammt.
Heute verwenden viele den Ausdruck achtlos: «Er ist der Sündenbock der Affäre.» Gemeint ist meist ein zu Unrecht Beschuldigter. Dennoch reproduziert die Redeweise unbewusst ein religiöses Schuldritual. Zudem kann sie komplexe Verantwortlichkeiten vereinfachen: Statt Strukturen zu analysieren, benennt man eine Person.
Ist «Sündenbock» deshalb tabu? Nein. Der Begriff ist fest im allgemeinen Sprachgebrauch verankert und nicht per se diskriminierend. Sensibilität ist jedoch angebracht – besonders im historischen oder politischen Kontext, wenn von kollektiver Schuldzuweisung die Rede ist.
Der Sprachaufklärer meint
Verwenden Sie «Sündenbock» nicht leichtfertig. Prüfen Sie, ob Sie konkrete Verantwortlichkeiten benennen können, statt pauschal eine Person zum Symbol zu machen. Sprache formt Denken – auch bei Metaphern.
Der Duden rät
Der Duden definiert «Sündenbock» als «jemand, auf den man seine Schuld abwälzt, dem man die Schuld an etwas zuschiebt» und verweist explizit auf 3. Mose 16,21 f. als Ursprung.