Die «jüdische Weltverschwörung» ist eine antisemitische Verschwörungsideologie, die behauptet, Juden als Gruppe wollten im Verborgenen die Weltherrschaft erlangen oder beeinflussen – in Politik, Wirtschaft, Medien usw. Sie ist historisch gewachsen, stets widerlegt, doch bis heute virulent.
Bereits im Mittelalter entfalteten sich erste Formen dieser Vorstellung: Vorwürfe wie Brunnenvergiftung, Ritualmord oder Hostienfrevel zielten auf Juden und suggerierten ein bösartiges, geheimnisvolles Komplott gegen Christentum und Gesellschaft.
Im 19. Jahrhundert nahm der Mythos moderne Formen an: Aus der industriellen und politischen Umwälzungen entstanden neue Ängste – wer profitiert wirklich? Es war die Zeit, in der Begriffe wie «Weltjudentum», «internationale Finanzjuden» und ähnliche Schlagwörter populär wurden.
Ein besonders wirksames Element war das Pamphlet «Die Protokolle der Weisen von Zion», erstmals erschienen Anfang des 20. Jahrhunderts. Dieser Fälschung, deren Texte aus älteren Quellen plagiiert wurden, wird vorgeworfen, eine Verschwörung jüdischer Führer zu dokumentieren, die angeblich heimlich die Geschicke der Welt lenken. Historische Untersuchungen und Gerichtsverfahren haben jedoch eindeutig ergeben: Die Protokolle sind eine Erfindung.
Während der Weimarer Republik und besonders unter dem Nationalsozialismus wurde die Ideologie zentral für Propaganda und Rechtfertigung von Judenverfolgung. Viele antisemitische IdeologInnen in Europa benutzten und benutzen die Idee zur Mobilisierung, zur Sündenbock-Mechanik und zur Dämonisierung jüdischer Menschen. Staatsideologien wie der Nationalsozialismus setzten sie zur Legitimierung ein.
Auch heute finden sich Varianten dieser Verschwörungsmythen in verschiedenen Rechtsextremismus-, Verschwörungstheorie- und Radikalisierungs-Kontexten. Sowohl in Europa als auch im Nahen Osten tauchen die Protokolle in Medien oder Diskursen auf, ebenso wie Anschuldigungen über jüdischen Einfluss in Medien, Politik oder Wirtschaft.
Die Bedeutung heute: Es handelt sich weniger um eine organisierte Bewegung mit klarer Struktur (wenngleich solche Mythen oft von Netzwerken verbreitet werden), sondern mehr um ein narratives Gerüst, das Vorurteile schürt, Misstrauen verstärkt und antisemitische Diskurse legitimiert.
Historisch und faktisch gibt es keine Belege, dass Juden als Gruppe weltweit heimlich Machtstrukturen unterhalten, um Gesellschaften zu kontrollieren. Zahlreiche wissenschaftliche Studien und Justizprozesse haben zentrale Texte wie die Protokolle als Fälschung entlarvt.
Der Sprachaufklärer meint
Ganz einfach nicht benutzen. Der Mythos einer «jüdischen Weltverschwörung» ist alles andere als harmlos und bedient ein nationalsozialistisches Narrativ. Er dient als Ideologie der Ausgrenzung, Legitimationsgrundlage für Gewalt, Diskriminierung und Verfolgung. Die Vorstellung einer Weltverschwörung schafft ein Feindbild, das komplexe soziale, politische oder ökonomische Probleme auf eine einzige Gruppe zurückführt.
Der Begriff ist im wissenschaftlichen Sinne unhaltbar, aber virulent in Ressentiments und Alltagsethik: Viele Menschen wissen von der Kritik, doch Verschwörungsmythen leben von Unsicherheit, Misstrauen und politischen Erklärungsbedürfnissen. Gerade in Krisenzeiten greifen solche Vorstellungen wieder stark.
Der Duden rät
Der Duden hat für den Begriff «Verschwörungstheorie» die Bedeutung: «Vorstellung, Annahme, dass eine Verschwörung, eine verschwörerische Unternehmung Ausgangspunkt von etwas sei».
Es existiert kein eigener Duden-Eintrag «jüdische Weltverschwörung» mit umfassender Definition, aber der Begriff gehört klar in die Kategorie antisemitischer Verschwörungserzählungen, wie sie etwa in Definitionen von Antisemitismus aufgeführt sind.
