Völkerschau

Eine «Völkerschau» bezeichnet im deutschsprachigen Raum Veranstaltungen vornehmlich im 19. und frühen 20. Jahrhundert, bei denen Menschen aus als «exotisch», «fremd» oder «primitiv» wahrgenommenen Kulturen zur Schau gestellt wurden. Mit Inszenierungen des Alltags, Tänzen und Kulissen zielten diese Schauformen nicht auf Dialog, sondern auf Unterhaltung – oft verbunden mit kolonialistischen und rassistischen Klischees.

Der Begriff «Völkerschau» kam im 19. Jahrhundert in Deutschland auf, und zwar als Sammelbezeichnung für verschiedene Formen der Menschen-Zurschaustellung, insbesondere aus kolonialisierten Gebieten, «vom Tierzoo inspiriert» – wie in verschiedenen Forschungen zu lesen ist.

Die erste weithin beachtete Völkerschau dieser Art war die von Carl Hagenbeck organisierte Schau der Samen (damals «Lappländer») 1875. Diese Veranstaltung, bei der Samen zusammen mit Rentieren gezeigt wurden, gilt als Initialzündung für das Genre der Völkerschauen. Hagenbeck war Tierhändler und Zoodirektor in Hamburg; seine praktischen Erfahrungen mit Tiertransporten und Inszenierungen übertrug er explizit auf «Menschengruppen». Diese Parallelisierung (Tier-Mensch) ist heute zentral in der Kritik. Hagenbeck gilt nicht als «Erfinder» der Völkerschauen – bereits zuvor gab es in Europa Formen der Zurschaustellung «exotischer» Menschen, z. B. sogenannte «Hottentotten-Venuse» im frühen 19. Jahrhundert oder vereinzelte Gruppen auf Jahrmärkten und Weltausstellungen. Hagenbeck gilt aber als eine Schlüsselfigur, die die Form professionalisierte und kommerzialisierte.

In den folgenden Jahrzehnten entstanden viele weitere Schauen, etwa die der Nubier ab 1876, die der Inuit («Eskimos») oder die berühmten «Amazonen von Dahomey» – eine Frauenkampftruppe aus dem heutigen Benin, die militärisch inszeniert wurde. Die Schaugruppen reisten durch europäische Städte, wurden in Zoologischen Gärten, auf Weltausstellungen und Jahrmärkten gezeigt.

Die zur Schau gestellten Menschen lebten oft unter Umständen, die ihre Würde verletzten: künstliche Kulissen, stereotype Kleidung, Tanzvorführungen, «Kriegstänze», Alltagsszenen, manchmal zusammen mit Tieren. Häufig wurden ethnographische und anthropologische Forschung, Vermessungen und Fotografie eingesetzt, um die «Authentizität» oder Unterschiede zu betonen.

Die Wirkung war tiefgreifend: Völkerschauen trugen zur Verfestigung rassistischer Vorstellungen bei und beeinflussten die Wahrnehmung von «Fremden» stark – nicht nur als exotisch, sondern oft als minderwertig oder «primitiv». Gleichzeitig wurden sie als Massenunterhaltung geschätzt und waren wirtschaftlich profitabel. Viele BesucherInnen verstanden die Darbietungen als «realistisch-authentische» Einblicke in «primitive Kulturen».

Auch in der Schweiz hatten Völkerschauen ihren festen Platz. An der Schweizerischen Landesausstellung 1896 in Genf wurde ein sogenanntes «Neger-Dörfli» eingerichtet, in dem rund 200 Menschen aus Afrika für das Publikum «Alltagsszenen» darstellten – eine Inszenierung, die stark von kolonialen und rassistischen Stereotypen geprägt war. Auch grosse Zirkusunternehmen beteiligten sich: Der Zirkus Knie nahm wiederholt indigene Gruppen mit auf Tourneen und präsentierte sie dem Publikum als exotische Attraktionen. Zudem existierten bis in die 1920er-Jahre hinein reisende Gruppen in Schweizer Städten, oft in Verbindung mit Zoologischen Gärten oder Messen.

Ab den 1930er- und 1940er-Jahren nahm die Zahl und Akzeptanz solcher Schauen ab. Verschiedene Faktoren spielten mit: gesellschaftlicher Wandel, Kritik an Rassismus und Kolonialismus, rechtliche Einschränkungen, veränderte wissenschaftliche und öffentliche Standards. Viele Schauen endeten mit dem Zweiten Weltkrieg, manche schon vorher.

Im heutigen Sprachgebrauch gilt «Völkerschau» als Begriff, der Unmenschlichkeit, Entmenschlichung und rassistische Instrumentalisierung umfasst. Ab und an wird er zusammen mit Begriffen wie «Menschenzoo» verwendet. Das Postkoloniale Wörterbuch der Universität Köln definiert «Völkerschau» als das Ausstellen von Menschen, ähnlich wie Tiere im Zoo, tief eingebettet in koloniales Machtdenken.

Historisch und wissenschaftlich wird der Begriff kritisch reflektiert – etwa im Hinblick auf die Verantwortung der Veranstalter, die Rolle des Publikums und die Nachwirkungen auf rassistische Diskurse.

Der Sprachaufklärer meint

Der Ausdruck wird im allgemeinen Sprachgebrauch historisch verstanden und gilt als belastet. Verwenden Sie den Begriff Völkerschau denn auch nur mit historischem Kontext und dem Hinweis auf die rassistischen, entmenschlichenden Aspekte. Sensibilisieren Sie LeserInnen dafür, wie solche Begriffe bis heute nachwirken – in Stereotypen, Medienbildern und Vorurteilen.

Der Duden rät

Im Duden findet sich kein gesonderter Eintrag zum Begriff «Völkerschau». Genauere Definitionen und Bewertungen finden sich jedoch in der wissenschaftlichen Literatur und in postkolonialen Wörterbüchern.

29. Januar 2026

Ähnliche Beiträge

mauscheln

Der Begriff «mauscheln» hat seinen Ursprung im Jiddischen und wurde im Deutschen übernommen. Er stammt von dem jiddischen Wort «mojschlen» ab, das «schwätzen» oder «flüstern» bedeutet. Es gibt ...

Herrenrasse

Der Begriff «Herrenrasse» hat seinen Ursprung im Kontext der Rassenideologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Insbesondere im Dritten Reich in Deutschland wurde dieser Begriff von den ...

Asylant

In den 1970er Jahren tauchte die Bezeichnung «Asylant» im deutschen Sprachgebiet auf und wurde von rechtsstehenden und fremdenfeindlichen Organisationen und Personen verwendet. Dadurch erhielt ...
Keine Beiträge gefunden.
Überblick über den Datenschutz

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und dienen dazu, Sie wiederzuerkennen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehren, und unserem Team zu helfen, zu verstehen, welche Bereiche der Website Sie am interessantesten und nützlichsten finden.