Der Begriff «Remigration» bedeutet wörtlich «Rückwanderung» und stammt aus der Migrationsforschung. In neutralem, wissenschaftlichem Kontext beschreibt er den Vorgang, dass Menschen, die in ein anderes Land gezogen sind, wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren. Dies kann in diesem Sinne durchaus aus freien Stücken geschehen: etwa weil Arbeitsverträge enden, familiäre Bindungen bestehen oder der Ruhestand im Heimatland verbracht werden soll. Auch internationale Organisationen verwenden «Remigration» in diesem ursprünglichen Sinn – oft im Zusammenhang mit freiwilligen Rückkehrprogrammen.
In der politischen Debatte im deutschsprachigen Raum hat sich der Begriff jedoch in den letzten Jahren stark verändert. Vor allem in rechtsextremen Kreisen wird «Remigration» als Schlagwort benutzt, um die zwangsweise Ausweisung oder Deportation von Menschen mit Migrationshintergrund – häufig auch solcher mit dauerhaftem Aufenthaltsrecht oder Staatsbürgerschaft – zu fordern. Diese Verwendung verzerrt den neutralen Ursprung des Wortes und belegt ihn ideologisch. Die Ausweitung des Begriffs auf ganze Bevölkerungsgruppen, die über Jahre oder Generationen in einem Land leben, stellt einen klaren Bruch mit dem völkerrechtlichen und menschenrechtlichen Verständnis von Migration dar.
Die Brisanz des Begriffs wurde auch offiziell anerkannt: 2023 wählte die Jury der «Unwort des Jahres»-Aktion «Remigration» aus. Die Begründung: Das Wort werde euphemistisch eingesetzt, um Forderungen nach Zwangsmassnahmen zu verschleiern, die gegen Menschenrechte verstossen. Damit reihe sich «Remigration» in die Liste «beschönigender Tarnvokabeln» ein, die harmlos klängen, aber in bestimmten Kontexten radikale oder diskriminierende Inhalte transportierten. Der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz kommentierte dies so: «Wer hier lebt, hier arbeitet und sich zu den Grundwerten unserer Demokratie bekennt, gehört zu uns.»
Sprachkritisch ist zu beachten, dass der Begriff stark kontextabhängig ist. In wissenschaftlichen Texten kann er unproblematisch sein, solange er klar definiert ist. In der öffentlichen Debatte jedoch wird er häufig als ideologischer Code verwendet. Wer den Ausdruck nutzt, sollte sich der unterschiedlichen Bedeutungsfelder bewusst sein und gegebenenfalls durch präzisere Formulierungen – etwa «freiwillige Rückkehr ins Herkunftsland» oder «Zwangsausweisung» – verdeutlichen, worum es tatsächlich geht.
Der Sprachaufklärer meint
Seien Sie sich bewusst, dass «Remigration» je nach Kontext völlig unterschiedliche Bedeutungen haben kann – und dass der Begriff in der politischen Debatte oft nicht das meint, was er auf den ersten Blick verspricht.
In der Migrationsforschung steht «Remigration» für die freiwillige Rückkehr ins Herkunftsland. In der rechtsextremen Rhetorik hingegen wird er als harmlos klingende Umschreibung für massenhafte Zwangsausweisungen genutzt – auch von Menschen, die seit Jahrzehnten Teil der Gesellschaft sind oder sogar die Staatsbürgerschaft besitzen. Diese ideologische Aufladung macht den Begriff zu einem rhetorischen Tarnmantel, der drastische Forderungen verschleiern kann.
Wer eine sachliche Diskussion führen will, sollte den Begriff darum nicht unkritisch übernehmen: Klare Sprache verhindert, dass harmlose Formulierungen als Deckwort für menschenrechtswidrige Ideen missbraucht werden.
Der Duden rät
Der Duden führt beide Bedeutungen auf. Einerseits als «Rückkehr in das Land, aus dem eine Person zuvor emigriert ist» – andererseits als «massenhafte Ausweisung und daraus folgende Ausreise von Menschen mit Migrationsgeschichte». Letzteren Fall bezeichnet der Duden als «verhüllend».
