Das nationalsozialistische Regime pflegte eine auffällige Vorliebe für den Begriff «Sturm». Eines der bekanntesten Hetzblätter trug den Titel «Der Stürmer», und auch militärische Entwicklungen wie das Sturmgeschütz spiegelten diese Wortwahl.
Ein Blick in den Duden von 1941 zeigt, dass im Vergleich zur Ausgabe von 1929 zahlreiche neue Zusammensetzungen mit diesem Wortbestandteil aufgenommen wurden – etwa Sturmbann, Sturmbannführer, Sturmfahne, Sturmführer, Sturmhauptführer, Sturmmann oder Sturmtrupp. Sie zeugen von einer NS-zeitlichen Sprachpolitik. Sogar das merkwürdig anmutende «Sturmabend» fand Eingang in die Sprache: eine Mischung aus geselliger Runde und ideologischer Schulung, speziell für Angehörige von SA, SS und verwandten Organisationen.
Die Begeisterung für «Sturm» hatte Wurzeln in der Erinnerung an den preussischen Landsturm von 1813. Damals wurden alle Männer, die nicht im regulären Heer dienten, zum Kampf gegen Napoleon verpflichtet. Dieses historische Bild eines «gesamten Volks in Waffen» griff Propagandaminister Joseph Goebbels im Februar 1943 auf, als er seine Rede zum «totalen Krieg» mit den Worten beendete: «Nun Volk steh auf und Sturm brich los!» – ein Zitat aus dem Gedicht «Männer und Buben» von Theodor Körner.
Goebbels war damit nicht der Erste: Schon 1914 hatte Otto Sarrazin, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, den Ausdruck bemüht, um im Ersten Weltkrieg einen sprachlichen «Sturm» gegen Fremdwörter zu verkünden.
Der Sprachwissenschaftler Victor Klemperer stellte fest, dass diese Vorliebe für «Sturm» – ebenso wie für das Wort «Aktion» – nicht allein eine NS-Erscheinung war. Auch in der expressionistischen Kunst der frühen 1900er-Jahre finden sich Titel wie «Die Aktion» oder «Der Sturm». Wahrscheinlich spielte aber die militärische Tradition der Sturm-Bataillone des Ersten Weltkriegs die grössere Rolle. Diese Einheiten sollten mit neuen Angriffstaktiken Bewegung in den festgefahrenen Stellungskrieg bringen. Das Bild des «Sturms» als Symbol deutscher Kampfkraft war so stark, dass es auch international aufgegriffen wurde – etwa in der italienischen Comicreihe «Sturmtruppen» von Bonvi, die ab 1968 erschien.
Auffällig ist: Nach 1945 verschwanden weitgehend neue Wortbildungen mit «Sturm-» aus dem deutschen Sprachgebrauch – wohl nicht zuletzt wegen der unübersehbaren politischen und historischen Belastung des Begriffs.
Der Begriff ist aber geblieben: Auch in der Gegenwart taucht das Wort «Sturm» in politischer Rhetorik und Berichterstattung auf – oft, um dramatische Kraft zu suggerieren. So sprach die Schweizerische Volkspartei (SVP) im Wahlkampf 2011 und später erneut 2023 von einem «Sturm aufs Stöckli». Gemeint war der Versuch, im Ständerat mehr Sitze zu erobern.
In den USA hingegen wurde der Ausdruck «Sturm aufs Capitol» zur internationalen Schlagzeile, als am 6. Januar 2021 ein gewalttätiger Mob das Parlamentsgebäude in Washington, D.C., attackierte. Während die Schweizer Formulierung bildhaft und parteistrategisch gemeint war, beschreibt das US-Beispiel einen realen, gewaltsamen Angriff auf demokratische Institutionen. Beide Fälle zeigen, wie das Wort «Sturm» – ob im übertragenen oder wörtlichen Sinn – weiterhin starke Bilder und Emotionen auslöst.
Der Sprachaufklärer meint
Unterdessen ist der Sturm meist ein reines Wetterphänomen und damit sehr unverdächtig – wenn in dieser Eigenschaft auch nicht ganz ungefährlich.
Ansonsten sind Wörter mit langer ideologischer oder propagandistischer Geschichte nicht unproblematisch. Begriffe wie «Sturm» wirken harmlos, können aber durch ihre historische Verwendung belastet sein. Wer solche Wörter heute benutzt – bewusst oder unbewusst – ruft oft Assoziationen wach, die weit über den eigentlichen Inhalt hinausgehen.
Der Duden rät
Der Duden enthält keine Empfehlung zum Wort «Sturm».
